Therese Dörr ist nicht mehr aus dem Ensemble des Schauspielhauses Stuttgart wegzudenken. Auf ein Glas Wasser mit einer Ausnahmeschauspielerin, die mit intensivem Körperspiel und mitreißenden Trotzreaktionen beeindruckt.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Nicht selten fragt man sich, was man dieses Mal wieder verbrochen hat. Man harrt gequält im dunklen Parkettgraben aus, starrt panisch oder angewidert gaffend hinauf auf die Bühne, als hätte sich dortselbst ein mittelschwerer Unfall ereignet, zählt flach atmend die nicht endenden Minuten.

 

Und dann wieder gibt es diese unvergesslichen Momente, da werden Stunden zu Sekunden, da betritt jemand die Bühne, und alles erstrahlt hell. Und, ja, Therese Dörr ist so jemand. Selbst einer ohnehin schon geglückten Inszenierung wie „Forecast: Ödipus“ im Stuttgarter Schauspiel setzt sie die leuchtende Krone auf, im imaginären wie im figürlichen Sinne.

Eine unberechenbare Eigenwilligkeit zeichnet ihr Spiel aus

Nach ihrem lasziven Auftritt auf dem Catwalk der Macht steigt die Dörr als Queen Iokaste irgendwann aus dem Stück von Autor Thomas Köck einfach aus. Was man ihr nicht verübeln kann. Denn Eiskönigin Iokaste hat Pech mit den Typen. Die Ehen mit Thebens Herrscher Laios sowie dem eigenen Sohn Ödipus sind grässlich gescheitert, von der dräuenden Klimakatastrophe ganz zu schweigen.

Doch Iokaste geht in die Offensive, sie spannt sich an, ihr Körper wird zum aufgeklappten Springmesser. Von einer Videokamera begleitet, brüllt sie ihren Frust heraus; laut und bis in jede Silbe hinein verständlich klagt sie die Vergeblichkeit der Aufklärung durch Kunst an: „Warum stehen jetzt hier alle so scheißdramatisch im Regen und spielen diesen Scheiß, der von Anfang an klar war.“

Scheißdramatischer Trotz kann so mitreißend sein. Diese oft unberechenbare Eigenwilligkeit zeichnet das Spiel der Therese Dörr aus. Oder etwa nicht? „Auf jeden Fall kann ich mit der Zuschreibung in Bezug auf mein Spiel etwas anfangen“, sagt Therese Dörr bei einem Gespräch kurz vor einer Probe. „Trotz. Ja, oder auch Eigensinn. Mit Eigensinn konnte ich schon immer viel verbinden. Weil es auch etwas Kindliches hat.“

Therese Dörr ist schon seit 2018 fest am Ensemble des Stuttgarter Schauspiels engagiert, und sie kann sich wahrlich nicht über Unterbeschäftigung beschweren. In zahlreichen Rollen konnte sie brillieren, auffallen, kein Thema. Doch in letzter Zeit hat man das Gefühl, dass nun eine Schauspielerin auf der Höhe ihrer Kunst agiert, sie ihren Rhythmus gefunden hat, das eigene Potenzial in schöner Regelmäßigkeit abruft: und zwar das der Tragödin, der Schmerzensfrau, deren Figuren Kraft aus ihren Wunden schöpfen.

Ballett formte ihr körperlich intensives Spiel

Dörrs Iokaste in Stefan Puchers bildpraller Inszenierung von „Forecast: Ödipus“ schickt auf furiose Weise die Vergangenheit zum Teufel: das Patriarchat, die Umweltzerstörung, die Wehklagen der Scheinemanzipierten. Als Mutter eines toten Jungen in dem Stück „Der Triumph der Waldrebe in Europa“ von Clemens J. Setz verkörpert sie wiederum eine Frau, die mithilfe digitaler Medien ihren Sohn weiterleben lassen will. Therese Dörr nimmt die Mutterfigur unglaublich ernst, als spielte sie eine Heldin in einem antiken Drama.

Die 48-Jährige wurde in Westfalen geboren, in einer Kleinstadt nördlich von Münster. Wo findet man hier, in der Provinz, den Weg zum Theater? Wie so oft: in der Schule in einer Theatergruppe. Die frühere Hinwendung zum Ballett verlor zwar an Bedeutung, doch ihr körperlich intensives Spiel verdankt die Schauspielerin ihrer tänzerischen Ausbildung von einst. „Ich habe viel Ballett gemacht, mit vier Jahren habe ich damit angefangen. Das ist in den Körper eingeschrieben.“

Was man in Clemens J. Setz’ Stück bewundern durfte: Auf dem Bett wehrt die Mutter eines Toten die Realität mit jeder Faser ihres mageren Leibes ab, die Haare wirr und schweißgetränkt, das Gesicht wutentbrannt. Ihre ausschlagenden Arme, die krampfenden Beine – eine präzise vorgetragene Leidenschoreografie. Vom Perückenscheitel bis zur Sohle ist Dörrs Muttertier ganz Schrei, ganz Schmerz, ganz Seelenpeingeheul.

Vielleicht ist die Selbstermächtigung so ein Ding der Therese Dörr, sie kann aber auch anders. Und wie: In „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo und Franca Rame, diesem in Stuttgart wiederentdecktem, von Andreas Kriegenburg inszenierten Erfolgsstück aus den 80er Jahren gibt die Dörr erst die todessehnsüchtige Frau eines notorischen Ehebrechers, um alsbald den Spieß umzudrehen und den Betrüger zu betrügen. Ein großer Spaß.

Die Arbeit, sie geht nicht aus, sie hat sie aber auch von der Pike auf gelernt. Lückenlos mutet der Lebenslauf an. Nach ihrem Studium an der Hochschule für Musik und Theater Rostock war Therese Dörr am Theater Münster und am Staatstheater Kassel engagiert. 2008 wechselte sie ins Ensemble des Schauspiels Essen, 2010 ging sie für acht Jahre ans Schauspielhaus Bochum. Dort lernte sie ihren Lebenspartner kennen, Marco Massafra, ebenfalls Schauspieler, mit dem sie nach Stuttgart zog, und das mit drei Kindern.

Therese Dörr weiß, was das wert ist. „Zwei Schauspieler am selben Theater, im selben Ensemble. Das ist ein Glücksfall, das ist selten. Ein Superluxus.“ Eher unüblich auch die Tatsache, dass Therese Dörr immer fest engagiert war. Das erklärt womöglich ihre professionelle Abgeklärtheit. Einen alternativen Lebensentwurf, einen beruflichen Plan B hat sie nicht vorbereitet. „Ein Leben ohne die Bühne? Kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Wenn ich merke, dass die Leute gebannt sind, wir sie nicht kaltlassen . . . genau das ist, warum ich Theater mache.“ Und es die Antwort auf die Frage, warum man doch wieder ins Theater geht. Immer wieder.

Info

Offene Zweierbeziehung
Nächste Vorstellungen von „Offene Zweierbeziehung“ im Schauspielhaus Stuttgart mit Therese Dörr in der Hauptrolle: am 1. Januar 2024, 19.30 Uhr, www.schauspiel-stuttgart.de.

Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau
Die Uraufführung von Simon Stephens neuem Stück „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“ findet am 6. Januar im Kammertheater Stuttgart statt, um 20 Uhr.

Lesung
„Der gute Gott vom Zürichsee“ – Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch am 22. Januar um 19.30 Uhr im Foyer des Schauspielhauses, vorgetragen von Therese Dörr und Matthias Leja.