VfB Stuttgart gegen Bukarest Die Sieger von der Hinterbank

Marko Schumacher, 23.11.2012 12:13 Uhr

Stuttgart - Das handbemalte Plakat ist mindestens zehn Meter lang und wird Mitte der ersten Hälfte am Oberrang enthüllt. „Antonia“, fragt ein gewisser Andrei darauf, „willst Du mich heiraten?“ Wenn man davon ausgeht, dass Antonia den Antrag tatsächlich annimmt, dann verlassen nach dem Schlusspfiff zumindest zwei Einheimische das Bukarester Nationalstadions als rundum glückliche Menschen.

Ansonsten jedoch sind es nur die 600 mitgereisten VfB-Fans unter den 55 600 Zuschauern, die hinterher ausgelassen feiern. Staunend haben sie zuvor mit angesehen, wie ihr Team beim triumphalen 5:1 Steaua Bukarest nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen hat. Fast alles gelang an diesem „absoluten Sahnetag“ (VfB-Trainer Bruno Labbadia), an dem „wir noch besser waren, als wir es uns vorgenommen hatten“ (Christian Gentner).

Kuzmanovic platzt vor Stolz und Genugtuung

Glückliche Sieger kommen anschließend aus der Kabine. Vedad Ibisevic schaut zwar leicht mürrisch drein, er hätte sich auch so gerne in die Torschützenliste eingetragen. Für den VfB aber ist es nicht die schlechteste Erkenntnis, dass man nicht allein von den Toren des Stürmers abhängig ist, der zuvor fünf der sieben Europa-League-Tore geschossen hatte und diesmal trotz aller Mühen leer ausging. Eher die Spieler aus der Hinterbank waren es, die diesmal für die großen Momente sorgten.

Zdravko Kuzmanovic zum Beispiel, der Mann mit dem ausgeprägten Hang zur Selbstüberschätzung, platzt hinterher beinahe vor Stolz und Genugtuung. Wochenlang ist er mit demonstrativ schlechter Laune in den Bus gestürmt, diesmal bleibt er stehen, um seine Botschaft zu verkünden. „Der Schlüssel zum Erfolg waren die ersten beiden Tore“, sagt der Mittelfeldspieler, der, welch glücklicher Zufall, eben diese Treffer vorbereitet hat.

Kuzmanovic, zu Saisonbeginn nur Ersatzspieler, kennt auch den Grund dafür, dass er in den letzten drei Pflichtspielen von Beginn an spielen durfte. „Klar und deutlich“ habe er dem Trainer neulich gesagt, dass er unzufrieden sei und öfter spielen wolle – und siehe da: „Seither bekomme ich meine Einsatzzeiten“. Dass sich daran auch künftig nichts ändern werde, steht für den 25-Jährigen fest: „Mir war immer klar: wenn ich erst einmal in der Mannschaft bin, wird es schwer, mich wieder zu verdrängen.“ Entsprechend schwer fällt es ihm zu verstehen, dass er noch kein Angebot bekommen hat, seinen auslaufenden Vertrag zu verlängern. Nichts habe sich daher am Vorhaben geändert, den VfB spätestens nach dieser Saison zu verlassen.

Am Sonntag steht schon das Derby gegen Freiburg an

Eher im Stillen genießt den Sieg mentalitätsgemäß Shinji Okazaki, auch so ein Spieler, der bislang zu kurz gekommen ist und in Bukarest groß aufgetrumpft hat. Gewaltig ist dafür bei den Mitspielern und beim Trainer die Freude über die Leistungsexplosion des Japaners. „Für ihn freut es mich ganz besonders“, sagt Bruno Labbadia und berichtet davon, dass zuletzt „schon ein bisschen gefrotzelt“ worden sei, weil Okazaki fast in jedem Spiel für Japan triff, sein letztes Bundesligator aber inzwischen neun Monate zurückliegt: „Wir hatten ihm schon empfohlen, doch ein Nationaltrikot drunter anzuziehen.“

Der Auftritt in Bukarest dürfte Okazaki vor weiteren Witzen auf seine Kosten bewahren. Den fulminanten Treffer seines Landsmanns Gotoku Sakai zum 3:0 bereitete er vor und war wenig später selbst mit dem Kopf zur Stelle, als sich Sakai mit einer Maßflanke revanchierte. Auch das 5:0 erzielte Okazaki. „Die Tore waren für Shinji sehr wichtig“, sagt Labbadia, „das wird ihm viel Schwung geben.“

Schon morgen geht es im Rahmen eines „gnadenlosen Dreitagesrhythmuses“ (Serdar Tasci) in Freiburg weiter– und auch Kuzmanovic sollte sich angesprochen fühlen, wenn Martin Harnik sagt: „Wir dürfen jetzt bloß nicht den Fehler machen zu glauben, dass wir in Zukunft alles spielerisch lösen können.“